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Anfangs war es nur eine Idee, einfach mal in 10 Tagen auf einen anderen Kontinent zu trampen. Nachdem ich den in kleinen Hirnwindungen entstandenen Gedankengang so ein, zwei Freunden mit großer Mitteilungskompetenz erzählt habe ging die Welle los. Binnen einer Woche fragte mich die gefühlte halbe Bevölkerung unseres netten Wohnortes Gmund a. Tegernsee ob ich nun schon wieder hier bin – oder wann ich losgehe – oder wohin – oder wie – oder was. Es gab per difakto keine andere Möglichkeit als wirklich zu Reisen. Der Gedanke wurde zum Plan. Da ich ein kleiner Feigling bin konnte ich eine Route nach Nordafrika gleich einmal ausschließen. Die nördliche Himmelsrichtung ist mir einfach zu kalt, ich brauche Sonne! Warum also nicht mal schnell nach Asien und in Istanbul war ich auch noch nicht. So ergab sich die Route.

Mich erreichen tatsächlich immer noch viele Fragen zu meinem Ausflug.  2018 erscheinen darum die Reiseberichte in gedruckter Form. Hier gibt es einen kleinen Einblick in die ersten sechs Tage.

Aktueller Status:
• Bucherscheinung 2018
• Vortragsreise (Buchungsanfragen an joerg@friedrich.world)

Route:
Gmund a. Tegernsee – Irschenberg – Wien – Budapest – Nis – Belgrad – Sofia – Istanbul

Inhaltsverzeichnis:
Gmund – Istanbul Tag 1
Gmund – Istanbul Tag 2
Gmund – Istanbul Tag 3
Gmund – Istanbul Tag 4
Gmund – Istanbul Tag 5.1
Gmund – Istanbul Tag 5.2
Gmund – Istanbul Tag 6

 


Tag 1

6.30 Uhr – Die ganze Nacht strömender Regen und keine Besserung in Sicht. Die Reise beginnt also gleich mit einer Entscheidung und nicht im Freien sondern noch am heimischen Rechner. Risiko? Gleich komplett nass werden oder doch auf Nummer sicher gehen und jetzt schon auf ein anderes Verkehrsmittel wechseln? Ab München gäbe es noch die Möglichkeit nach Wien mit dem Fernbus für gerade einmal 19,- €, dieser kommt aber erst um 16 Uhr in Wien am Flughafen an. Das wäre es dann für den ersten Tag.

So, ich gehe jetzt erstmal duschen und beschäftige mich dann mit dem Regenradar. OK – die Entscheidung ist gefallen. Zum Dinzler frühstücken, auf ein kleines Regenloch warten – dann los. Mit Zweifeln wegen dem Wetter geht es nach dem Frühstück um 9:17 Uhr am Irschenberg auf die Reise.

Und gleich der erste Fehler. Einige Parklätze, welche ich auf dem Plan hatte sind aufgrund der aktuellen Baustellensituation an der A8 gesperrt und lassen sich gar nicht mehr anfahren. Also muß ich mit meiner ersten Mitfahrt Richtung Innsbruck und mich dann wieder Richtung Salzburg zurückhangeln. Nach drei Lifts bin ich gegen 14 Uhr in Salzburg. Leider ist die Raststätte in Salzburg von wienwilligen Trampern etwas überbevölkert. Auch der wieder einsetzende Regen macht die Sache nicht einfacher. Also warten, warten, warten und entspannt Kaffee trinken – ich bin ja nicht auf der Flucht.

Ich bin jetzt erst ein paar Stunden unterwegs und erstmal kommen schon die Gedanken ob der Richtigkeit meines kleinen Trips. Auf der einen Seite ist es die Freiheit von Zeit und Ort gelöst zu sein. Auf der anderen Seite stehen das Reisen ohne Frau, Kinder & Co.. Es ist eben doch schon Jahrzehnte her wo mein Rucksack mein Reisebegleiter war. Ich habe das Gefühl egoistisch zu handeln und gleite in das gedankliche Philosophieren ab. Nachdem ich die ersten Zeilen in mein analoges Reisetagebuch niedergeschrieben habe gehts schon wieder und ich bin vom Ehrgeiz gepackt. Der Regen lässt auch nach und wird mir auf meiner Reise nicht wieder begegnen. Die Entscheidung bei Regen zu starten war also richtig.

Die ersten Stationen machen mir wieder einmal sehr deutlich klar in welcher scheinheiligen Spießerwelt wir leben. Fast alle sind nach Schilderung meiner Reisepläne etwas neidisch. Halten es zwar für komplett verrückt aber irgendwie auch toll und spannend. Sobald wir aber alle in unserem deutschen liebsten Kind dem Auto sitzen schotten wir uns von der Aussenwelt ab und verurteilen sogar Menschen, welche mit Schild und Rucksack einfach mal so an der Straße stehen. Auf der gesamten Reise hat mich nur ein Auto mit deutschem Fahrer und das für ganze 5 km mitgenommen – dazu in einem späteren Beitrag aber mehr.

Nach längerem Warten in Salzburg scheine ich doch Glück zu haben. Zuerst geht es mit einem Champagnerhändler in der Luxuslimousine bis hinter Wien und von da aus fast ohne warten mit zwei ungarischen Musikern der Band Airtist bis hinter Budapest.

Es ist kurz nach 22 Uhr und stockdunkel. Ich muß eine Entscheidung treffen. Versuchen in der Nacht weiterzukommen oder doch eine Mütze Schlaf nehmen. Entscheide mich für Schlaf und versuche mir abseites der Autobahn ein kuscheliges Pätzen in der ausgedehnten Heidelandschaft des ungarischen Hinterlands zu suchen. Man hab ich schiess! Mitten in der Nacht mit Stirnlampe bewaffnet sein Nachtquartier aufzuschlagen gehört nicht wirklich zu meinen gewohnten Alltagssituationen. Das Abendessen besteht heute leider nur aus zwei leckeren Müsliriegeln. Es ist schwer in den Schlaf zu finden, die Geräuschkulisse mit der doch nicht so weit entfernten Autobahn und dem natürlichen Leben der Wiesen und Wäldern ist nicht ohne. Jetzt erweisen sich die Ohropax als erstaunliches Schlafmittel. Der Blick auf Milchstraße lässt mich innerhalb kurzer Zeit ins Reich der Träume gleiten. Leider muß ich nur ein paar Stunden später feststellen, daß es mit 8 Grad und aufsteigendem Nebel doch empfindlich kalt und nass unter freiem Himmel werden kann – der Leichtschlafsack (von Aldi) hält hier leider nicht annähernd seinen Versprechungen stand. So mußte gleich in der ersten Nacht auch noch die Rettungsdecke aus dem Rucksack und mich mit etwas Wärme versorgen. Immer noch kalt aber geht schon.

Der erste Tag ist geschafft und hat mich fast 700 km näher an mein Ziel gebracht. Gute Nacht!

 


Tag 2

6:00 Uhr – Guten Morgen, Sonnenaufgang. Nach einer empfindlich kalten Nacht darf ich den Tag in einer von Nebelschwaden durchzogenen Landschaft begrüßen. Packen, Kaffee, Croissant, noch eine Katzenwäsche und dann weiter Richtung Istanbul – wie weit wird es heute gehen?

Erst einmal warten, um 10 Uhr bekomme ich einen Lift mit einem LKW-Fahrer aus Serbien, welcher mich bis zur Grenze bringt. Die verräterischen Lumiarmbänder brachten uns ziemlich schnell auf Familie und das Leben als Trucker zu sprechen. Interessant auch was man so auf politischer Ebene erfährt, auf meine Frage warum an dieser Grenze soviel los ist bekam ich es mit dem Rußlandkonflikt zu tun. Da Russland die Einfuhr von Lebensmittel aus EU-Länder derzeit verbietet fahren viele über Serbien und lassen sich neue Papiere ausstellen. Somit können die Firmen Liefersanktionen umgehen.

Die Serbische Grenze bezwang ich dann mitten auf der Autobahn. Als Fußgänger schön eingereiht in der Autoschlange vorbei an der Passkontrolle um mir meinen ersten Einreisestempel zu holen.

Dann die Überraschung! Direkt nach der Grenze quatscht mich eine junge Familie an. Woher ich denn komme, wohin ich möchte, welche Sprache ich spreche. Auch die in Saarbrücken wohnhafte Familie (eine Deutsche, ein Kosovoalbaner und deren zwei Kinder) staunten bei meiner Geschichte nicht schlecht. Kurzerhand wurde der mit zwei Kindersitzen und unzähligen Mitbringsel bestückte 20 Jahre alte Seat umgepackt um mich mit Rucksack auf den Vordersitz zu quetschen. So durfte ich bis fast nach Nis die Familie auf Ihrem „Höllenritt“ bei 180 kmh in Ihre Heimat zum Urlaub begleiten. Der Fahrer erzählte mir dann noch, dass er gestern um 23 Uhr direkt nach einer 10 Std. Arbeitsschicht losgefahren ist – OK – Augen zu und nur nicht darüber nachdenken. Zum Abschied gab es HighFive mit den Kindern und eine 5-Minuten-Terrine als Geschenk, ich solle ja auf meiner weiteren Reise nicht verhungern. Danke, Ihr bleibt mir sicher immer im Kopf – so nett und hilfsbereit sind wohl die wenigsten unserer Mitbürger.

17 Uhr mitten in Serbien und es geht gar nichts! Nach drei Stunden warten gibt es jetzt erst mal ein Salami/Käsebaguette mit ner kalten Cola zum Abendessen. Was für ein reichhaltiges Nährwerk. Da ich diesen Tag eh schon „abgeschlossen“ habe werde ich mich dann einfach in die Sonne setzen, ein Buch lesen und mir dann noch eine schöne Wiese für die Nachtruhe suchen. Die Temperaturen sollten hier in Zentralserbien auch deutlich angenehmer als letzte Nacht ausfallen.

Die Suche nach der Wiese wurde zu einem 8km Ausflug auf der Autobahn um mich dann doch mitten in der Nacht direkt neben der Autobahn auf dem Grünstreifen zu betten. Keine schöne Nacht, der Grünstreifen ist abschüssig, es hat wieder nur 10 Grad und die nächtliche Feuchtigkeit ist kein Spaß. Na ja, ein bisschen Schlaf geht schon und es wartet ja auch ein neuer (hoffentlich besserer Tag) auf mich.

 

 


Tag 3

5:45 Uhr – Der Tag beginnt durchgefroren und Nass, aber bei einem grandiosen Sonnenaufgang, leider direkt neben der Autobahn. Nach dem Verpacken meiner Schlafstätte entscheide ich mich für einen kleinen Morgenspaziergang von 7 km. Ein Schild weist mir den Weg zum nächsten McDonalds. Warum ein McD? Hier gibt es wirklich das Rundum-Sorglos-Paket: Kaffee, Strom und WIFI . Beim Kaffee schmiede ich Pläne für die noch ausstehenden 1.000 km, bisher hat mir Serbien ja nicht wirklich geholfen. Werde jetzt versuchen nach Sofia zu kommen, um dann mit dem Nachtbus oder Bahn durch das bulgarische Hinterland direkt nach Istanbul zu kommen. Kaum bin ich in der Burgerbratbude sind sie am Nachbartisch auch schon wieder da. Vier Deutsche regen sich furchtbar über den zu kalten Kaffee „Latte“ auf und sind geschockt von dem mit Zimt betäubten Milchschaum: „Sie mal was die gemacht haben, Zimt, ihhhh“.

Ich stehe schon wieder zwei Stunden und das an einer wirklich gut besuchten Raststätte mit Hotel und Co. Dieses Land wird nicht mein Hitchhikingfreund. Gegen 12 Uhr in der Mittagssonne geht es zumindest mal 30 km weiter, danach sind wieder die Beine gefragt. 3 Stunden entlang der Autobahn ohne das regionale Radiostationen Fußgänger auf der Fahrbahn melden. Während des Laufens frage ich mich wie ein Land so schattenfrei sein kann. Schreibe jetzt erstmal neue Schilder und versuche die nächste größere Stadt zu erreichen – mein Ziel ist Niš. Es klappt. Mitten auf der Autobahn halten zwei nette Serben, ich nenne sie die Gemüsefraktion. Die Gemüsehändler legen jeden Tag ca. 400 km im Kleintransporter zurück, um Gemüse durchs Land zu fahren. Sie legen mir eine Karriere als korrupten serbischen Politiker ans Herz: „Hier ließe sich einfaches Geld schon auf kleinster kommunaler Ebene erwirtschaften“. Erstmal eine Kaffepause bei Gazprom und dann versuchen, die restlichen 100 km bis nach Bulgarien zu schaffen.

Das war es dann für heute mit planen, komme bis kurz vor Niš und nehme eine weitere Nacht an der Autobahn in Kauf. Zur Sicherheit suche ich diesmal bereits bei Tageslicht mein Nachtquartier. Das grüne Dreieck inmitten des Autobahndreiecks scheint mir gut geeignet. Nur die Monstermoskitos scheinen in gleicher Weise Zuneigung zu mir, wie ich Abneigung zu ihnen verspüre. Das „Bett“ ist gemacht und schon bekomme ich Besuch. Ich darf eine giftgrüne Spinne meinen Bettnachbarn nennen. Ein Hoch auf unsere Smartphones. Es ist eine Grüne Huschspinne ( Micrommata virescens) – der Biss der Huschspinne ist leicht schmerzvoll, aber ohne Nachwirkungen. Die grüne Huschspinne ist für den Menschen völlig harmlos. Na dann, Ohropax rein und in den Sternenhimmel gucken.

Gute Nacht.

 


Tag 4

7:00 Uhr – Nach der ersten Nacht ohne Kälte und Nässe kann ich den Sonnenaufgang wirklich genießen. Es gibt einen Müsliriegel zum Frühstück und eine kleine Dusche aus der Wasserflasche. Irgendwie entspannt mache ich mich  auf den Weg nach Niš. Es sind nochmals 2 Stunden Fußweg, nachdem ich bis jetzt fast 50 km in Serbien zu Fuß zurückgelegt habe entscheide ich mich heute, das Verkehrsmittel zu wechseln und in den Fernbus umzusteigen.

Am Stadtrand angelangt suche ich nach einer Bushaltestelle um ins Zentrum zu kommen. Der kyrillische Buchstabensalat auf den Linienplänen macht das Ganze nicht einfacher, ist aber auch egal. Einfach in irgendeinen Bus einsteigen und mal sehen wo ich rauskomme. Das Glück scheint mir heute hold zu sein, für umgerechnet 40 Cent bringt mich der Bus tatsächlich ins Zentrum nicht unweit vom Busbahnhof.

Wieder treffe ich Menschen, welche sich scheinbar auf das Granteln spezialisiert haben. Die Frage nach einem Bus nach Istanbul wurde mit einem kurzen und energischen „NO!!!“ beantwortet. Die Frage nach Sofia mit einem „Yes“, kein wann – kein wo – kein wieviel. Nach etwas hin und her drückt mir der „nette“ Schalterbeamte einen Schmierzettel in die Hand, auf welchem eine Uhrzeit und ein Preis steht mit der Ansage ich sollte erstmal Geld wechseln gehen. Ach was für freundliche Menschen hier. So hole ich mir ein Ticket nach Sofia, der Bus fährt um 16 Uhr ab. Zeit die Stadt zu erkunden.

Der Stadtkern rund um die Festung ist wirklich schön, verschiedenste Märkte laden zum Bummeln ein und die Gärten zum Verweilen. Die Ćevapčići im Pitabrot sind einfach lecker und so darf ich einen entspannten Tag verbringen. Leider muß ich bei meiner Abreise feststellen, dass ich in ganz Serbien nur Grantler und Tussies gesehen und kennengelernt habe – natürlich ist das nach nicht einmal drei Tagen ein sehr subjektiver Eindruck – lädt aber nicht zu einem weiteren Besuch ein. Schade eigentlich, Serbien scheint vor allem landschaftlich einiges zu bieten.

Im Bus nach Sofia lerne ich dann mal wieder einen interessanten Menschen kennen. Der in Israel geborene New Yorker scherzt an der grenze nach Bulgarien ob wir erschossen werden – wenn wir ohne Passkontrolle das Toilettenhäuschen auf der anderen Seite der Grenze besuchen würden ;-). Der Typ (leider habe ich den Namen vergessen, reist im Jahr mindestens zwei Monate und fährt nach Sofia um den günstigsten Rückflug nach New York zu bekommen. Ein Blick in seinen Paß macht mich fast sprachlos. Er scheint aus allen Ländern dieser Welt Stempel zu haben. Ein weiterer Passagier (der erstmal wie ein „Penner“ daherkommt) ist ein Spanier um die 50, spricht fließend acht Sprachen, ist seit mehreren Jahren auf Reisen und unterhält sich gleich mal mit einem Koreaner fließend in dessen Landessprache. Wow, strange – es sind wirklich faszinierende Menschen unterwegs. Leider konnte ich mich nicht näher mit ihm unterhalten. Er steigt einfach irgendwo im bulgarischen Hinterland aus, um einen Freund zu besuchen.

20 Uhr – ich bin in Sofia und wechsle die Schuhe. Das stabile Fußgewand weicht den FlipFlops, welche ich bis zu meiner Rückkehr in München nicht mehr wechseln werde. Am Busbahnhof angekommen bin ich erstmal planlos, bevor ich ein Schild mit den Nachtbussen sehe und tatsächlich fährt heute um 23 Uhr noch ein Bus direkt nach Istanbul. So buche ich mir schnell noch ein Ticket. Leider habe ich jetzt nur ca. zwei Stunden für Sofia. Erster Eindruck: nette Menschen, gute Stadt – hier fühle ich mich willkommen und werde bestimmt mal wieder hier aufschlagen. So,  jetzt noch ein Bierchen und dann ab zum Bus, um am nächsten Morgen um 09:00 Uhr in Istanbul zu sein.

Die nächtliche Fahrt und meine Ankunft in Istanbul gibt es dann im nächsten Bericht.

Gute Nacht und gute Fahrt.

 


Tag 5.1

Um 23 Uhr geht es Richtung Istanbul los. Und ja, auch die Nachtfahrt kann interessant sein. Mitten in einer bulgarischen Kleinstadt lässt sich mitten in der Nacht ein Zahnarzt entdecken. Dank der Positionierung des gut einsehbaren Einzelhandelsgeschäfts mit großer Schaufensterfläche lässt sich der Zahnpflegemann rauchend im Behandlungsstuhl gut beobachten. Es sind jetzt noch 9 Stunden Fahrt und ich versuche so zu tun als lasse es sich im Bus schlafen.

Gegen drei Uhr erreichen wir dann endlich die Türkische Grenze und ich lerne den Grenzwahn ausserhalb der europäischen Grenzen kennen. Erst wird der Bus kontrolliert, dann müssen wir mit Handgepäck aussteigen um die Passkontrolle über uns ergehen zu lassen. Im folgenden wieder rein in den Bus und 50m fahren, dann wieder raus – Bus ausladen – Gepäckkontrolle. Irgendwo an der Grenze scheint eine lustige Musikkompo gestrandet und legt mitten in der Nacht ein kleines Konzert auf den Grenzasphalt – leider kann ich die Mädels oder Jungs nicht sehen, die Musik verbreitet aber gute Stimmung.

Nach einer Stunde Grenzwahn stehe ich das erste mal während meinem Roadtrip auf türkischem Boden. Es ist eine Mischung aus Freude und auch ein bisschen Stolz – fünf Tage und ich bin im Zielland angekommen. Schnell wieder ab in den Bus und versuchen, noch ein paar Stunden zu schlafen.

08:30 Istanbul Main Bus Terminal Büyük Otogar

Es ist also geschafft, in 96 Stunden von Gmund a. Tegernsee nach Istanbul. Verwendete Verkehrsmittel: Trampen (1.300 km), laufen (ca. 50 km), Bus (ca. 1.000 km). Und auch wenn es nicht ums Geld geht – bis hierher hat mich das ganze 67,- € gekostet.

Es ist wirklich das erste mal, dass mich eine Ankunft in einer Stadt leicht überfordert. Ich stehe zwischen gefühlten 1.000 Reisebussen und habe keine einzige türkische Lira im Gepäck und eine Wechselstube geschweige denn so tolle Automaten mit Scheinen sind nicht in Sicht. Ja, ist schon klar – wie blöd kann man eigentlich sein. Selbst schuld! Ich entsinne mich also meinen Fähigkeiten zur … und spreche mit einem türkischen Elektrohändler, welcher auch bereit ist meine restlichen serbischen Lira und ein paar Bulgarische LEW in die „harte“ türkische Währung zu tauschen. Nach ca. 10 min. bin ich auch mit dem System des öffentlichen Nahverkehrs in Istanbul vertraut und freue mich auf die Stadt, ein Zimmer, eine Dusche, einen Tee, etwas Schlaf … und, und, und.

Willkommen in Istanbul … die Suche nach einem Zimmer und die Entschleunigung dann in Tag 5.2

 


Tag 5.2

Ich stehe im alten Zentrum von Istanbul. Dem Stadtteil Sultanahmet, in früheren Zeiten auch Konstantinopel genannt und beschließe hier mein „Epizentrum“ für die nächsten Tage in der Stadt aufzuschlagen. Ich bin müde, von oben bis unten verschwitzt, schmutzig und mit Sicherheit kein wirklicher Spaß für die olfaktorische Wahrnehmung meiner Mitmenschen. Also die besten Voraussetzungen in Hotels zu maschieren und nach einem Zimmer zu fragen. Aber es klappt, obwohl ich mitten in den Frühstücksbereich des kleinen Sultan House platze. Aufgrund der Touristenmassen bekomme ich das Zimmer aber nur für eine Nacht. Erstmal egal. Ich genehmige mir eine Dusche und wasche zeitgleich mit Shampoo meine Wäsche in Sichtweite zur Hagia Sophia. Ich beschließe, mich noch eine Stunde mit Schlaf zu versorgen um mich dann um die Rückreise und ein Hotel für die nächsten Nächte zu kümmern.

Da mich bereits die Faulheit gepackt hat, nutze ich einfach die direkte Verbindung zu meiner Frau und hoffe, dass sie mir schon irgendwie einen Rückflug in den nächsten Tagen organisieren kann … ich habe wirklich keine Lust jetzt schon wieder zum Flughafen zu fahren und mich in irgendwelche Warteschlangen zu stellen. Wenig später bekomme ich schon mein eTicket mit Rückflug am Montag. Jeahh. Inkl. dem heutigen Tag habe ich ganze vier Tage um Istanbul in mich aufzusaugen. Auch eine Schlafstädte für die nächsten Nächte ist gefunden und damit auch der organisatorische Teil abgeschlossen.

Ich streife also erstmal planlos durch eine auf den ersten Blick schräge, geile und bunte Stadt. Hunderte von Straßenhändlern, Geschäfte mit „alles Original“, Düfte, Farben … versetzen mich in die Welt von Istanbul.

Wenig später am Bosporus mit dem angrenzenden Marmarameer, welches viel größer ist als gedacht oder auf vielen Bildern gesehen, nehme ich auf einer kleinen Bank Platz, lasse meinen Blick schweifen und beginne zu entschleunigen. Essenszeit. Es gibt Bali ekmek, frischer Fisch aus dem Bosporus im türkischen Brot, welches direkt von den schwankenden Booten am Flussufer der Galatabrücke am goldenen Horn gereicht wird. Als Nachtisch gibt es, von den zahlreichen mobilen Imbissverkäufern, Melone und frischen Mais. Mein Endziel Asien liegt vor meinen Augen – aber das ist ja auch noch morgen da.

Ich streife noch etwas durch die Stadt und mache mich am frühen Abend zurück auf den Weg in Richtung Hotel. Während ich Tagebuch schreibe und Pläne für die nächsten Tage schmiede gönne ich mir ein frisches Effes.

Gute Nacht.

 


Tag 6

Ein Hotelwechsel ist angesagt. Sachen packen und entspannt im Park mit Simit (Hefekringel) und Kaffee den Tag beginnen. Bei 36° und Blick über die Moscheen der Stadt kann heute gar nichts mehr schiefgehen. Nach dem Frühstück geht es Richtung Hotel El Blanco. Das Zimmer ist zwar noch nicht bezugsfertig, aber das Gepäck darf ich bereits bringen. Das Hotel ist ein absoluter Glücksgriff mit super nettem Personal und mitten im historischen Herzen von Istanbul. Auch wenn hier nicht mehr alles bis ins kleinste Detail auf modernstem Stand ist – versprüht es einen aussergewöhnlichen Charme und lädt zum Wohlfühlen ein.

An der Rezeption werde ich von einer Griechin empfangen, welche auch schon die eine oder andere Rucksack- bzw. Couchsurfingtour hinter sich hatte. Unter anderem auch in Hamburg und Bremen. Es wird also erstmal über Bier, im speziellen dem Bamberger Rauchbier Schlenkerla philosophiert. Die Frage ob ich eine Flasche Bier für ein Foto dabei habe mußte ich mit nein beantworten und ärgere mich, dass ich diesen Plan aufgrund des Rucksackgewichtes wieder verworfen habe – es scheint aber so ein Deutschding zu sein. Ich bekomme auch die besten Tipps zu Fährverbindungen, öffentlicher Nahverkehr und zur asiatischen Seite von Istanbul.

Jetzt wird es Zeit, das Ziel anzusteuern. Asien!

Unterwegs greife ich beim türkischen Teppichhändler aus Ingolstadt noch einen leckeren Apfeltee ab. Ich glaube zwar, dass dieser sich das Verkaufsgespräch etwas erfolgreicher vorgestellt hat aber auch als Teppichhändler läuft ja nicht alles nach Plan. Während ich Richtung Fähranleger unterwegs bin frage ich mich immer wieder wozu nur diese vielen nicht beachteten Ampeln gut sind.

Geschafft! Ich bin in Asien – nach nur 6 Tagen in allen möglichen Verkehrsmitteln und zu Fuß bin ich auf einem anderen Kontinent. Hier zeigt Istanbul ein ganz anderes Gesicht. Weniger Massentourismuss, nette kleine Fischrestaurants, Gemüsehändler und unzählige „Dönerbuden“ bei welchen auch die Einheimischen kaufen und schlemmen. Eine ganze Straße ist bevölkert von Englischen Pubs und einigen Tattoostudios. Hier macht es Spaß, sich durch die Gassen mit offenen Ohren und Augen treiben zu lassen und sich seiner olfaktorischen Wahrnehmung hinzugeben. Wenn man dann noch von Aktivisten (Amnesty International) auf türkisch angesprochen wird und beim Wasserkauf etwas weniger zahlt und das Wechselgeld bis auf den letzten Cent zurückbekommt scheint es so, als ob man inzwischen ins Straßenbild der türkischen Metropole aufgesogen wurde.

Zurück in Europa geht es noch über den Taksimplatz und die angrenzende Shoppingmeile, welche in allen großen Städten der Welt gleich ist. Nur abseits von H&M & Co. tummelt sich eine feine Künstlerszene mit diversen kleinen Galerien und natürlich den dazugehörigen Bars. Ich lasse mich einfach durch die Stadt treiben und genieße die Stadt und den Bosporus bei Sonnenuntergang und der angehenden Nacht.  Vorbei an zahlreichen Jahrtausende alten Gebäuden freue ich mich auf ein Bett.

Da meine Heimreise inzwischen geplant ist, machen sich Freunde auch gleich an die Arbeit und planen meine Ankunft zurück am Tegernsee mit der Rückführung in bayowarische Tradition. Weißwurstfrühstück!

Wie es weiter geht und die ganzen Bilder gibt es in meinem Buch und bei meiner Vortragsreise.

 

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